Sitz ich gemütlich?
Diese Frage solltest du dir erst einmal stellen. Gleich gefolgt von: Muss ich in nächster Zeit mal auf Toilette, wäre ein Tee, Kaffee oder ein kleines Bierchen (nur für Leute älter als 16 und verantwortungsbewusst) nicht nett so neben dem Lesen? Ach, hast du heute noch was vor? Nur wenn alle diese Fragen beantwortet sind kannst du diesen Eintrag lesen, denn er wird/ist verdammt lang und zwischendrin aufstehen oder Pause machen versaut die Atmosphäre.
So, alles geklärt? Dann mal los:
Der Grund für die schiere Länge dieses Blogeintrags ist schlicht das ich in der letzten Woche einfach unglaublich viele Sachen erlebt habe und die jetzt alle auf einmal aufschreibe bevor ich es vergesse, dass ich soviel erlebt hab hat einen weiteren Grund: Wir hatten unser zweites Seminar auch Midtermseminar genannt, die Hälfte des kleinen Auslandsabenteuers ist rum, für die meisten von uns Freiwilligen jedenfalls, die Zivis bleiben noch ein wenig länger, aber deswegen denkt sich kein Mensch nenn neuen Namen aus, der richtige wäre auch relativ umständlich so etwas wie Partly Midterm partly 5/11 seminar partly something completly different.” So war auf diesem Seminar z.B. auch Leonie und sie fängt ja gerade erst an. Wir sind schon eine ziemlich inhomogene Truppe, da kann selbst Anne Marie, unsere Oberbetreuerin die sich eigentlich um alles kümmert, bei der Namensgebung keine Rücksicht nehmen.
Bevor ich noch weiter in irgendwelche abstrusen Richtungen abstreife sollte ich vielleicht einfach mal von Vorne anfangen. Das wäre dann wohl mit Freitag:
Freitag war ein schöner Tag, denn er begann mit ausschlafen und jeder Tag der damit beginnt, kann gar nicht so übel werden. (Eine alte Weisheit eines jungen Menschen) Nachdem ich mich irgendwann dazu entschlossen hatte, dass ich jetzt schon lange genug im Bett liege, ging es erstmal (nach Frühstück und kurzen E-Mail-/ Nachrichtencheck) Joggen. Das Seminar begann erst um 16 Uhr so schaffte ich es noch ganz viele fürchterlich unwichtige Dinge zu erledigen, bevor wir in die Metro stiegen und zum Diagonisenstift fuhren. Dort begann das Seminar dann auch endlich richtig, mit dem großen Wiedersehen aller Freiwilligen, also den Großteil sehe ich ja so mindestens alle zwei Wochen mal, entsprechend wenig emotional fiel die Begrüßung zwischen Nils und mir aus, aber es war klasse auch endlich mal wieder diejenigen zu erblicken, die nicht in Kopenhagen wohnen. Dazu gab es Kaffe und Kekse, es könnte sein dass ich in diesem Blog noch öfters von Kaffee und Keksen erzähle, das tut mir leid und ich versuche es auch zu vermeiden, aber in Dänemark und besonders auf Seminaren gibt es zu allem Kaffe und Kekse, sprich ich könnte einfach überall von Kaffe und Keksen berichten, ihr würdet euch aber wohl ziemlich langweilen wenn jeder zweite Satz mit “und dann gab es Kaffe und Kekse aufhören würde.” Ich hoffe dies wird das 6. und letzte mal das in diesem Eintrag die Wörter Kaffe und Kekse vorkommen.
Die ersten eineinhalb Stunden wurde dann erstmal bei Kaffee und Keksen …Mist! … geplauscht, über erlebtes und noch zu Erlebendes, wem was wo wie gefällt und was die Welt im Innersten zusammen hält. Dann gab es erstmal Abendessen, eine Sache auf die ich mich im vorrein schon sehr gefreut hatte, denn auf unserem ersten Seminar war das immer total lecker und ich freu mich ja auch sonst immer aufs Essen. Ich mag essen. (Kleine Anmerkung es könnte zu Verwunderrungen gekommen sein des wegen muss ich dieses leidige Thema wohl doch noch einmal auspacken, es tut mir leid aber: In Dänemark gelten K&K nicht als Mahlzeit, deswegen können sie sowohl direkt vor als auch nach Mahlzeiten in größeren Mengen konsumiert werden. So jetzt ist aber Schluss damit. Es gibt ja schließlich auch noch wirklich interessante Sachen die ich erlebt habe, die Oper zum Beispiel. Die war unser freitägliches Abendprogramm, da wir [Inga, Sarah und ich] vorher kurz noch mal in die Wohnung zurück wollten, herrschte eine ziemliche Hektik bei uns, wodurch man das lang ersehnte Abendessen dann doch nicht so richtig genießen sollte. Der Plan war sich um sieben am Opernhaus zu treffen, kurz vor sechs rasten wir beim Diakonisenstift los, trotz all unserer versuche durch Gedankenkraft die Metro zu beschleunigen und die Ampelschaltung zu unseren Gunsten zu manipulieren, brauchten wir etwas Zeit bis nach hause, dort hieß es für die Mädchen umziehen und für mich, T-Shirt aus, Hemd an fertig, möglichst geschickt überspielen das man schon fertig ist, 5 nach halb kamen wir dann los, in Richtung Nyhavn, wo dann ein Schiff zur Oper rüber fahren sollte, was es dann tatsächlich auch tat, so setzten wir drei mehr oder weniger Punkt Sieben unsere Füße auf den Opernvorplatz. Wir waren pünktlich und damit auch die einzigen. O.K. außer uns waren noch ganz viele Kulturinteressierte da, aber niemand von den Freiwilligen, welche direkt vom Stift kommen wollten. Das störte mich in diesem Moment aber überhaupt nicht, Erstens hatte ich das irgendwie schon erwartet, Zweitens schwirrten mir noch die Vor und Nachteile von Stöckelschuhen durch den Kopf, welche, typischer Weise, mal wieder ein Hauptunterhaltungspunkt auf dem Hinwegwaren [Kopfsteinpflaster...] und Drittens staunte ich einfach über das Operngebäude, denn dieses war ziemlich cool, von außen kante ich es ja schon, großes abgeflachtes Glasoval mit einer Platte obendrauf, klar soweit? Aber die architektonische Meisterleistung steckt im Inneren. Das äußere Fensteroval umgibt in so ca. 20-30m Abstand ein inneres Oval, das was dazwischen ist könnte man schlicht als ein etwas zu groß geratenes Treppenhaus bezeichnen, an der Glasfront sind auf 5 Etagen, —jetzt wäre ein Architekturstudium ganz praktisch denn ich hab überhaupt keine Ahnung wie man das alles nennt,— nach Innen gelagerte riesige Balkons oder Galerien, so das man bequem nach außen schauen kann auf denen befinden sich auch Getränkeausschänke und ein Restaurant insgesamt ist ziemlich viel Platz, aber halt auch noch ziemlich viel Luft, dadurch das alles noch ein wenig, bis absolut verschachtelt ist, kann man von ganz oben bis nach ganz unten schauen, von links Mitte nach oben rechts und von unten links nirgendwo hin oder so… nichts für Akrophobiker [für Anja und alle anderen die nicht zufällig diesen Wort kennen, es aber nie zugeben würden: Akrophobie ist Höhenangst]. Das Tollste an dieser ganzen Konstruktion sind aber die Übergänge zum Opernsaal, sprich dem Mittelteil, die sind alle als schlichte Brücken realisiert, die dem ganzen ein wenig den Charme Raumschiffs geben, die haben doch auch immer so tolle Brücken, dieser Eindruck wird nur durch die Holzverkleidung, des inneren Ovals zerstört, es gibt leider keine Holzraumschiffe, so hatte ich aber wenigstens keine Angst nach dem Operngenuss in einer anderen Welt rauszukommen, vielleicht lag diese riesige Platte, welche ich vorhin irgendwann mal erwähnt hatte, nur dazu auf dem Gebäude um letzte Ängste in dieser Hinsicht zu zerstören. Unsere Plätze im dritten Rang waren auch nichts für Akrophobiker, aber ansonsten richtig gut und vor allem gemütlich, was die Gefahr erhöhte einzuschlafen, ein Gedanke mit dem ich schon länger gespielt hatte.
Um Halbacht waren dann auch die Anderen da und das Spektakel konnte beginnen. Carmen auf Französisch mit dänischen Obertiteln, welche mir das Leben deutlich vereinfachten, denn den Singsang hätte ich wohl auf Deutsch kaum verstehen können, so hörte ich ab und an ein Wort raus was mir begannt vorkam, jedoch passte es meist nicht wirklich zum Kontext, Lesen klappte da schon besser bis auf ein Wort verstand ich sogar so gut wie alles und dieses Wort vin[d]van[d] scheint irgendwie in der dänischen Sprache nicht zu existieren, was auch damit zusammen hängen könnte, dass ich nicht mehr genau weiß wie es geschrieben wird. Des Weiteren viel positiv zu Buche das ich aus irgendeinem Grund die Story schon kannte. Das brachte mich zu der leisen Vermutung, dass unser Musikkurs, dem ich nicht beiwohnte, diese Oper wohl mal in einer Arbeit dran hatte, ich hatte immer viel lieber mit den Musikleuten gelernt, was mir dann in den Kunstarbeiten die ich schreiben musste nicht so ganz geholfen hatte, aber man sieht so etwas zahlt sich dann doch irgendwann aus, wer lernt denn schon für Noten? [Anja das heißt nicht, dass du keine guten Noten bekommen sollst!]
Ich bin dann auch gar nicht eingeschlafen, das könnte auch daran liegen, das immer wenn ich es fast geschafft hatte, ein Akt vorüber war und eine Pause anstand, in welcher wir uns in kleinen Gruppen sammelten und wie es sich für so einen Abend gehört über höchst kulturelle Dinge sprachen, z.B. wo man denn noch einen gratis Sekt abstauben könnte, außerdem hab ich noch einen Außenbalkon gefunden, von dem man einfach einen schönen Ausblick über Kopenhagen hatte, den konnte ich leider auf Grund einer nicht vorhanden Jacke nie genießen, Hemd + Winter = Kalt. Nach 3,5 Stunden geballter Kultur, als dann Carmen endlich tot zu Boden sank, fühlte ich mich ausgepowerter als nach 2 Stunden joggen, was sicher auch damit zu tun hat das ich die ganze Zeit mit meinem Kopf nicken musste um den Obertext zu lesen auf die Bühne zu schauen, den Obertext zu lesen, auf die Bühne zu schauen usw.
Die Nacht war ja noch jung und die meisten von uns noch ziemlich frisch, ich verbarg meine Befürchtungen über einen fürchterlichen Nackenmuskelkater am nächsten Tag und die Kälte sorgte ziemlich schnell dafür das ich meine Erschöpfung vergaß. So machte sich eine Gruppe auf den weg in die “Gefährlichbar” die sich durch ihren deutschen Namen von den anderen 1000000 Bars in Kopenhagen abhebt, leider war die Bar schon ziemlich voll, deswegen kamen nur 7 von uns 8 rein, dem Letzten wurde erklärt das er leider noch keine 23 ist und deswegen nicht rein darf, man hab ich mich gefreut, denn ich war drin… wie auch immer nach diesem etwas surrealen Erlebnis mit dem Türsteher sind wir erst noch mal zu einer anderen Bar gerannt, die, wie zu erwarten war, auch schon voll war, danach haben wir uns mehr oder weniger aufgelöst, so ging ein typischer Fastbarbesuchabend zu Ende und damit auch der erste Seminartag.
Am nächsten Tag klingelte das Handy viel zu früh, es war Samstag und ich stand früher auf als an einem normalen Arbeitstag, das konnte nicht gut ausgehen, zum Glück schaffte ich es den ganzen Weg bis zum Diakonissenstift und auch noch das halbe Frühstück nicht wirklich auf zu wachen sondern in diesem schönen Zustand des Halbschlafes zu verweilen. Als dann aber das Programm los ging, musste ich dann doch irgendwann mein Gehirn einschalten, nach der Kultur am Vortag stand heute, Kreativität auf dem Programm. „Ich will wieder zurück in mein Schönes weiches Bettchen.“, dachte ich mir, nicht nur einmal. Dieser Wunsch wurde leider nicht berücksichtigt, stattdessen sollten wir mobile Icons machen. Genau! Zum Glück gab es vorher eine ausführliche Erklärung warum, wozu und was der größere Sinn des Ganzen ist, es wurde eine Brücke von Moses in der Wüste bis zur heutigen Jugend gespannt, um euch nicht mit Details zu quälen hier die kurz Fassung: Wir bekamen ein Stück Holz, auf die eine Seite sollten wir Hoffnung zum Ausdruck bringen auf der anderen Hoffnungslosigkeit, das Stück Holz hatte ungefähr die Größe eines Handys. “Mobil” [Stellt euch bitte, vor wie ich mit den Zeige- und Mittelfingern diese Gänsefüßchen in die Luft zeichne]. Da es um meine Kreativität nicht sonderlich gut gestellt war, freute ich mich ungeheuer darüber das mir einfiel das Grün die Farbe der Hoffnung ist, das würde meine Hintergrundfarbe auf der ersten Seite werden, als ich dann auf der Suche nach Farben, Pinseln und Zeitverschwendung, durch den Raum streifte, fiel mir schnell auf das mein genialer Einfall doch nicht so schlau war, denn das mit grün hatten, sich noch andere ausgedacht Aus Mangel an anderen Ideen, begann ich dann doch erstmal die eine Seite meines Holzstückes grün anzupinseln um irgendwas zu tun. Dann kam es, ich würde es einfach vertauschen, grün würde meine Seite der Hoffnungslosigkeit, perfekt. noch ein paar Spliter eines Spiegels drauf geklebt und Blutspritzer drauf, sah schon ziemlich deprimierend aus. Nach der Mittagspause, ging es dann an die Seite der Hoffnung, die bekam einen schwarzen Hintergrund und einen intakten Spiegel, als Kontrast, dann malte ich noch einen Baum auf die Seite, dessen grüne Blätter die Hoffnung symbolisieren sollten, nur sah man das grün auf dem Schwarz kaum, das Resultat war ein ziemlich trostloses Bild eines Spiegels vor Schwarz mit einem vertrockneten Baum, ziemlich Hoffnungslos, nur den zersprungen Spiegel, mit den Blutspritzern konnte man auch nur ganz schlecht als hoffnungsvoll bezeichnen. Ihr könnt euch ausmalen wie ich voller Hoffnung an die Vorstellung unserer Ikonen dachte. Ich bin halt ein hoffnungsloser Fall. Aber seht selbst:


Nach der Vorstellung in der ich etwas, von in den dunkelsten Momenten brauchen wir die Hoffnung am meisten und kein noch so schönes Leben macht Sinn, wenn man keine Hoffnung hat, erzählte und das selbst fast überzeugend fand, hatten wir dann auch schon frei. So machten wir uns auf zu einem kleinen Spaziergang im Park und nach dem Abendessen kamen wir in den Genuss von deutschem Live Fernsehen, welches man auf dem Gästeflur des Diakonissenstifts empfängt, total cool. So, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Stubbe, von Fall zu Fall. Der auch noch in Dresden war, so konnte ich die ganze Zeit, dazwischen rufen und sagen, da war ich schon, da hab ich Tabu gespielt, da wollte ich jemanden in den Brunnen schmeißen, da wäre ich fast selbst in den Brunnen gefallen und so weiter… Nach einem Live Heute Journal, ging es etwas früher ins Bett als am Tag davor.
So ich schreibe jetzt gut eine Woche an diesem Blog und habe grade mal die ersten zwei Tage geschafft, deswegen mach ich jetzt einfach einen Cut, ich finde er ist schon ziemlich lang und deswegen. [Fortsetzung folgt...]) P.S.: Ich hatte die runde Klammer bei: „Kleine Anmerkung…“, geöffnet und bis jetzt noch nicht geschlossen, dann ist es mir zum Glück aber noch aufgefallen…
Something about the climate
Es war an einem schönen Dezembersamstagvormittag, besser gesagt es war wohl der einzige schöne Dezembersamstagvormittag, letztes Jahr in Kopenhagen, als ich mich in Schale warf. Wer mich kennt, weiß, dass es schon einen größeren Anlass braucht, damit ich mir Gedanken über mein Outfit mache. Genau den gab es auch. Ich erklär am Besten erstmal mein Outfit: Zu meinen Winterwanderschuhen, trug ich die am linken Knie zerrissene Jeans, unter meiner schwarzen Winterjacke, den grau-weißen Strick- Kapuzenpulli, der seit einer etwas missglückten Zaunüberquerung in der Elften, ein eher unauffälliges Loch in der Kapuze hat, meine Pennerhandschuhe rundeten das Outfit ab. Ich kann die Enttäuschung auf manchen euer Gesichter förmlich vor mir sehen (Stimmt’s Jule?! ). OK, ich gebe zu es kann vorkommen das ich an einem ganz normalen Tag auch so aus der Tür trete ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet zu haben. Ich fand jedoch das meine Nachmittagsaktivität diese Mühe verdiente, schließlich gehe ich ja nicht jeden Tag demonstrieren. Wenn man die Protestmärsche gegen die Schließung des Meininger Balletts mal großzügig ignoriert (zu welchen mich meine Mutter mitgeschleift hat), war ich sogar noch nie richtig demonstrieren.
Ich wusste nicht mal wie das richtig geht, ob man irgendwas beachten sollte oder überhaupt … null Ahnung. Deshalb ging ich auch zusammen mit Wiebke und ihrer Mutter hin, die Beiden haben (zumindest in meiner Vorstellung) schon gegen mehr Sachen demonstriert als ich Eiscremesorten ausprobiert und das sind ne ganze Menge. Dazu kam noch Nils, über dessen Demoerfahrung ich keinerlei Informationen hatte, ihn trieb wohl auch die Neugier.
Selbstverständlich demonstrierten wir für einen guten Zweck, nämlich gegen das Klima, wartet das geht nicht, dann wohl eher gegen den Klimawandel. Das klingt richtig und wie ich finde ist es eine durch aus unwünschenswerte Sache, also das mit den Unwettern und Meeresspiegel. Ach, wie auch immer. Bevor ich mich jetzt total verquassle kann ich ja ruhig zu geben, dass ich eher aus Neugier dabei war, als aus tiefgründiger fachkompetenzgesteuerter Motivation, aber wie schon gesagt, das große Ganze war wohl richtig.
Wiebke und ihre Mutter kamen etwas zu früh, deswegen war ich noch beim Zähneputzen(falls ich auf einer Polizeiwache landen sollte, wenigstens mit frischem Atem). Wir freuten uns kurz über das gute Wetter, atmeten noch einmal tief durch und gingen dann zum Frueplatz, wo wir uns mit Nils und den restlichen Leuten von der Kirkenothelp treffen wollten. Wir waren der Überzeugung, dass wenn man zusammen mit der Kirche demonstriert vielleicht nicht so schnell festgenommen wird.
Das ist wohl der richtige Moment für eine kleine abschweifende Erklärung: Bei der Demonstration von der ich hier rede handelt es sich um die große Demonstration die ganz viele verschiedene Organisationen organisiert hatten und die am ersten Samstag des COP15 stattfand, besser bekannt als der Weltklimagipfel, zu dieser Demonstration wurden mehre zehntausend Menschen erwartet. Die dänische Regierung hatte extra ein Gesetz erlassen, welches der Polizei weitreichende Befugnisse gab. Nach dem Motto erst einbuchten, dann nachfragen. Irgendwie hatte jeder Däne den ich auf diese Veranstaltung angesprochen habe, in irgendeiner Weise das Gefängnis erwähnt, deswegen hatte ich schon etwas Respekt, aber zum Glück auch die Handynummer meine Supervisorin die ich anrufen sollte falls ich in einer Polizeiwache wieder aufwachen sollte. Sie würde dann kommen und alle zusammen schreien, sprich es bestand kein Grund zur Sorge. Nur die zwei Hubschrauber am blauen Himmel nervten etwas.
Zurück zu unserer kleinen friedlichen Kirchengruppe. Wie es sich gehört lagen, da ganz viele Schilder zum hochhalten rum. Ich als Neuling hatte ganz vergessen, dass so etwas ja dazu gehört und mir keins gebastelt. Diese Schilder waren total cool, zwar stand auf allen (vermuten wir) der gleiche Text, was jetzt nicht wirklich von sonderlicher Kreativität zeugt, jedoch war dieser in ganz viele Sprachen übersetzt, so prangte auf der englischen Variante: Time for climate justice und auf der deutschen: Zeit für Klimaerechtigkeit. (Dieser Schreibfehler geht ausnahmsweise nicht auf mein Konto, da stand wirklich Klimaerechtigkeit.) Dann lagen noch ganz viele Schilder rum, in Sprachen die ich nicht spreche. Die Auswahl fiel nun schwer, Englisch war schon langweilig (Dänisch gab es nicht) und das deutsche war ja falsch, was darauf schließen lies, dass der Rest auch nicht fehlerfrei sein musste. Man lief also Gefahr, vollkommen Nonsense in die Höhe zu halten, wenn man ein fremdsprachiges Schild mitnahm. Wiebke entschied sich für ugandisch und ich mich für Äthiopisch. Zum einen hatten wir die Hoffnung, das wir einfach keinen Ugander oder Äthiopier über den wegliefen und so keinem auffallen würde was da steht zu anderen sieht die äthiopische Schrift einfach total cool aus.
Nils schnallte sich eine große Stoppuhr um, die symbolisierte, dass die Zeit abgelaufen ist…
Nun warteten wir darauf das was passiert und stellten zum Ersten, leider nicht zum letzten Mal fest, das es kalt war. Aber nach einer halben Stunde setze sich unser kleiner Tross aus ca. 200-300 Menschen, dann endlich in Bewegung in Richtung Folketing, dem dänischen Parlament, wo sich die große Demonstration sammelte. Jetzt hätte ich fast vergessen die Trommler zu erwähnen, das coolste an unsrer Demogruppe waren nämlich unsere Trommler, die ihre Trommeln aus Ölfässern gebastelt hatten und einfach die ganze Zeit trommelten was für eine allgemein gute Stimmung sorgte. So. Auf dem Weg zum Platz strömten aus allen Richtungen andere Grüppchen auf uns zu bzw. mit uns, so waren wir dann als wir an unserem vorläufigen Ziel ankamen, in einer riesigen Menschenmenge bei, der ich nicht mehr so richtig einschätzen konnte wie viele es waren, es waren viele. Inzwischen war ich in richtiger Demonstrationsstimmung und konnte es kaum erwarten, irgendwas zu stürmen. OK, einfach loslaufen hätte mir vielleicht auch gereicht, aber leider mussten erst scheinbar wichtige Menschen, scheinbar wichtige Reden halten, die leider kein Schwein verstand, sie waren zwar extra in Englisch, weil ja dank des Gipfels ziemlich viele nicht des Dänisch Mächtige da waren, unter anderen auch die Redner, die sich soweit man es verstehen konnte alle das Gleiche sagten, nur waren die ganzen Menschen eh lauter als die Lautsprecher, so das man eher so ab und zu alle paar Minuten ein Wort verstand. Das es dann doch ein Haufen Wörter waren die ich zu hören bekam, lag leider schlicht daran, dass sich das Ganze Ewigkeiten hinzog, so dass uns irgendwann die schlechten: “Jetzt wäre ein wenig Klimaerwärmung doch gar nicht so schlecht…”-Witze ausgingen und ich mir ausmalte wie warm es werden würde, wenn wir unsere Schilder einfach anzünden würden, als ich das ansprach wurde ich aber von Wiebke nur mit einem bösen Blick bestraft, dabei standen wir schon auf ein paar kaputten runter gefallenen Schildern, da die uns wärmer vorkamen als der kahle Boden. “Wenigstens ist das Wetter schön.”, dachte ich mir als dann doch noch losging in Richtung Bellacenter(Dem Veranstaltungsort des COP15) Man kann nicht behaupten das wir sonderlich schnell vorankamen, Wiebkes Mutter hatte es dann doch vorgezogen sich in einem Café die Füße aufzuwärmen, in unserer Ungeduld liefen wir etwas schneller als der Rest unser Kirchengruppe. Bis wir dann feststellten, das ca. 5-10 Meter vor uns eine relativ große Gruppe schwarz vermummter Menschen lief, der schwarze Block, diejenigen welche bevorzugt eher schlagkräftige Diskussionen mit der Polizei führen, da wollten wir nicht hin, also schauten wir nach rechts: Auch schwarze vermummte Menschen. Nach hinten: Auch schwarze vermummte Menschen. Nach links: Das Wasser. Äußerst unangenehme Situation. „Nichts wie weg.“, war unsere gemeinsame Meinung. Wir wollten grad einen sinnvollen Beschluss fassen in welche Richtung wir uns am Besten verziehen, da geschah es: Ich war etwas erschöpft von Schildhochhalden hatte es also ein wenig runter genommen und so mit beiden Händen so ein wenig vor mein Gesicht gehalten … hab nicht gerate festgehalten sondern mehr etwas rumgespielt … Nils, der vor mir gelaufen ist, tat einen Schritt nach vorn, dabei hob sich seine Verse gegen das untere Ende meines Schildes … dieser leichte Stoß reichte aus das andere Ende des Schildes um ca. 10cm nach oben zu heben … nach 8cm … kam dann meine Oberlippe, das war schlecht.
Während sich in meinem Mund der süßliche Geschmack meines eisenreichen Blutes ausbreite und ich meine Tränen, welche vorhatten mir in die Augen zu schießen, an ihren richtigen Platz zurückwies, murmelte ich noch ein: “Sieht schlimmer aus als es ist.” Bevor ich mir Instinktiv ein ruhiges Plätzchen suchte, an welchen ich mich erstmal sammeln konnte. Es war am Ende wirklich nicht mehr als ein kleiner Kratzer an der Oberlippe, durch den es uns aber irgendwie gelungen ist aus dem schwarzen Block zu kommen, ohne es zu merken. Besser gesagt ich hab es nicht gemerkt, da ich viel zu sehr damit beschäftig war, mit meiner Zunge meinen Oberlippenzahnzwischenraum abzutasten um festzustellen wo es weh tut und wo nicht und mich zu fragen warum ich das überhaupt wissen wollte, denn normaler Weise hält sich meine Zunge nicht in diesem Bereich meines Mundes auf. Kennt irgendwer diese Art Neugier oder muss ich mir mal wieder sorgen über meine geistige Zurechnungsfähigkeit machen? (Gibt es eine nicht geistige Zurechnungsfähigkeit?)
Der Rest der Demonstration verlief bis zur Begegnung mit dem Polizisten recht monoton, wir liefen, liefen und froren. Froren, froren und liefen. Vorbei an verschiedenen Organisationen die wir alle überholten, da wir einfach schneller liefen als der Rest, welcher, wie später auch die Nachrichten verkündeten, sich in einer Art Volksfeststimmung befand. Überall war Musik zu hören, die Leute waren munter und tanzten zeitweise mehr als das sie liefen. Wiebke und ich hatten dann irgendwann genug demonstriert für einen Tag, Nils hatten wir bei ein paar anderen Freiwilligen gelassen die uns zwischen durch begegnet waren, falls ich es noch nicht erwähnt hatte uns war kalt. So, beschlossen wir, dass wir den Heimweg antreten würden. Da der Weg auf welchen wir gekommen waren, ziemlich voll war, gingen wir erstmal in irgendeine abzweigende Seitenstraße, dort begegneten wir dann dem Polizisten. Unserem wie es ja immer so schön heißt: Freund und Helfer. In voller Montur stand er da vor uns aufgebaut, dicke Schutzkleidung, Pistole im Halfter lauter gefährlich und interessant aussehendes Zeug am Gürtel und ein wenig eingefrorenes Gesicht, als wir ihm nach dem Heimweg fragten. Den er uns sehr freundlich schilderte obwohl er ihn wohl selbst nicht so gut kannte.
Wir kamen dann auch gut zu hause an, wurden nur noch kurz von einem Äthiopier in der Fußgängerzone aufgehalten. Ihm war mein Schild aufgefallen und er wollte wissen, wo ich die Schriftart gefunden hatte, dies konnte ich ihm leider nicht sagen, dafür bestätige er mir, dass auf meinem Schild alles richtig geschrieben war: “Something about the climate…”
Frohes Neues Jahr!
Es sind ja schon Ewigkeiten vergangen seit ich meinen letzten Blogeintrag geschrieben hab seit dem ist auch einiges erzählenswertes passiert. Ich könnte erklären was das Aros in Århus ist, warum ganz viele alte Häuser auf einem Haufen stehen, wieso ich mir auf einer Demonstration eine blutige Lippe geholt habe, das Gespräch mit einem Polizisten einige Zeit später aber recht gut verlief, was ein Tischfußball auf der Marienburg in Würzburg zu suchen hat, wie man es durch ein einfaches PS2-Spiel schafft sich gute 10 Jahren jünger zu fühlen, warum Schwedisch eigentlich nur ein schwieriges Puzzle ist und wann ein Schwede den pyramidenförmigen Milchkarton erfunden hat. Ich werde auch mein Bestes geben all das irgendwie, irgendwann, irgendwo zu Computer zu bringen. Jetzt aber zu etwas komplett anderen:
Unser Außenklo
Also ich bin mir nicht sicher, ob ich eigentlich schon einmal ordentlich den Aufbau unserer Wohnung geschildert habe. Hier eine Kurzfassung: Man kommt von Treppenhaus, in den kleinen Eingangsflur durch den hindurch gelangt man ins Wohnzimmer, dies ist mehr oder weniger auch ein Durchgangsraum, zur Küche, an die schließen sich Bad und das zweite Treppenhaus an. Dieses zweite Treppenhaus dient zum Großteil als, Dachboden bzw. Lagerhalle und verbindet die Rückseiten der Wohnungen mit einander, hinter dem zweiten Treppenhaus ist unsere Toilette. Da, ist es immer ziemlich kalt, denn der Versuch einer Heizung, na ja ich glaub dieses Gerät ist älter als ich und ich warte auf den Tag, an dem es noch mal unserer Haus anzündet, aber sicher ist: Warm macht es nicht, jetzt hab ich endlich einen Beweis dafür:
- Das ist ein Eiszapfen, genau ein Eiszapfen…
-
Letzte
- J(ung)e Woche
- Muss – Blogeintrag – schreiben
- “Weiter atmen das ist der Trick”
- Das Kopenhagen, das ich niemlas hatte
- Tag en kiks og tør dine øje.
- Nachtrag
- Drei Kugelhüpfe
- WiWaWinterferien-Teil2: Einmal quer durch Dänemark und mehr oder weniger wieder zurück.
- WiWaWinterferien – Teil 1: Allein in einer fremden Stadt
- Fortsetzung
- Sitz ich gemütlich?
- Something about the climate
-
Links
-
Archiv
- Juli 2010 (1)
- Juni 2010 (1)
- Mai 2010 (4)
- April 2010 (1)
- März 2010 (1)
- Februar 2010 (2)
- Januar 2010 (3)
- Dezember 2009 (1)
- November 2009 (4)
- Oktober 2009 (5)
- September 2009 (13)
- August 2009 (11)
-
Kategorien
-
RSS
RSS der Einträge
Kommentarfeed
