Something about the climate
Es war an einem schönen Dezembersamstagvormittag, besser gesagt es war wohl der einzige schöne Dezembersamstagvormittag, letztes Jahr in Kopenhagen, als ich mich in Schale warf. Wer mich kennt, weiß, dass es schon einen größeren Anlass braucht, damit ich mir Gedanken über mein Outfit mache. Genau den gab es auch. Ich erklär am Besten erstmal mein Outfit: Zu meinen Winterwanderschuhen, trug ich die am linken Knie zerrissene Jeans, unter meiner schwarzen Winterjacke, den grau-weißen Strick- Kapuzenpulli, der seit einer etwas missglückten Zaunüberquerung in der Elften, ein eher unauffälliges Loch in der Kapuze hat, meine Pennerhandschuhe rundeten das Outfit ab. Ich kann die Enttäuschung auf manchen euer Gesichter förmlich vor mir sehen (Stimmt’s Jule?! ). OK, ich gebe zu es kann vorkommen das ich an einem ganz normalen Tag auch so aus der Tür trete ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet zu haben. Ich fand jedoch das meine Nachmittagsaktivität diese Mühe verdiente, schließlich gehe ich ja nicht jeden Tag demonstrieren. Wenn man die Protestmärsche gegen die Schließung des Meininger Balletts mal großzügig ignoriert (zu welchen mich meine Mutter mitgeschleift hat), war ich sogar noch nie richtig demonstrieren.
Ich wusste nicht mal wie das richtig geht, ob man irgendwas beachten sollte oder überhaupt … null Ahnung. Deshalb ging ich auch zusammen mit Wiebke und ihrer Mutter hin, die Beiden haben (zumindest in meiner Vorstellung) schon gegen mehr Sachen demonstriert als ich Eiscremesorten ausprobiert und das sind ne ganze Menge. Dazu kam noch Nils, über dessen Demoerfahrung ich keinerlei Informationen hatte, ihn trieb wohl auch die Neugier.
Selbstverständlich demonstrierten wir für einen guten Zweck, nämlich gegen das Klima, wartet das geht nicht, dann wohl eher gegen den Klimawandel. Das klingt richtig und wie ich finde ist es eine durch aus unwünschenswerte Sache, also das mit den Unwettern und Meeresspiegel. Ach, wie auch immer. Bevor ich mich jetzt total verquassle kann ich ja ruhig zu geben, dass ich eher aus Neugier dabei war, als aus tiefgründiger fachkompetenzgesteuerter Motivation, aber wie schon gesagt, das große Ganze war wohl richtig.
Wiebke und ihre Mutter kamen etwas zu früh, deswegen war ich noch beim Zähneputzen(falls ich auf einer Polizeiwache landen sollte, wenigstens mit frischem Atem). Wir freuten uns kurz über das gute Wetter, atmeten noch einmal tief durch und gingen dann zum Frueplatz, wo wir uns mit Nils und den restlichen Leuten von der Kirkenothelp treffen wollten. Wir waren der Überzeugung, dass wenn man zusammen mit der Kirche demonstriert vielleicht nicht so schnell festgenommen wird.
Das ist wohl der richtige Moment für eine kleine abschweifende Erklärung: Bei der Demonstration von der ich hier rede handelt es sich um die große Demonstration die ganz viele verschiedene Organisationen organisiert hatten und die am ersten Samstag des COP15 stattfand, besser bekannt als der Weltklimagipfel, zu dieser Demonstration wurden mehre zehntausend Menschen erwartet. Die dänische Regierung hatte extra ein Gesetz erlassen, welches der Polizei weitreichende Befugnisse gab. Nach dem Motto erst einbuchten, dann nachfragen. Irgendwie hatte jeder Däne den ich auf diese Veranstaltung angesprochen habe, in irgendeiner Weise das Gefängnis erwähnt, deswegen hatte ich schon etwas Respekt, aber zum Glück auch die Handynummer meine Supervisorin die ich anrufen sollte falls ich in einer Polizeiwache wieder aufwachen sollte. Sie würde dann kommen und alle zusammen schreien, sprich es bestand kein Grund zur Sorge. Nur die zwei Hubschrauber am blauen Himmel nervten etwas.
Zurück zu unserer kleinen friedlichen Kirchengruppe. Wie es sich gehört lagen, da ganz viele Schilder zum hochhalten rum. Ich als Neuling hatte ganz vergessen, dass so etwas ja dazu gehört und mir keins gebastelt. Diese Schilder waren total cool, zwar stand auf allen (vermuten wir) der gleiche Text, was jetzt nicht wirklich von sonderlicher Kreativität zeugt, jedoch war dieser in ganz viele Sprachen übersetzt, so prangte auf der englischen Variante: Time for climate justice und auf der deutschen: Zeit für Klimaerechtigkeit. (Dieser Schreibfehler geht ausnahmsweise nicht auf mein Konto, da stand wirklich Klimaerechtigkeit.) Dann lagen noch ganz viele Schilder rum, in Sprachen die ich nicht spreche. Die Auswahl fiel nun schwer, Englisch war schon langweilig (Dänisch gab es nicht) und das deutsche war ja falsch, was darauf schließen lies, dass der Rest auch nicht fehlerfrei sein musste. Man lief also Gefahr, vollkommen Nonsense in die Höhe zu halten, wenn man ein fremdsprachiges Schild mitnahm. Wiebke entschied sich für ugandisch und ich mich für Äthiopisch. Zum einen hatten wir die Hoffnung, das wir einfach keinen Ugander oder Äthiopier über den wegliefen und so keinem auffallen würde was da steht zu anderen sieht die äthiopische Schrift einfach total cool aus.
Nils schnallte sich eine große Stoppuhr um, die symbolisierte, dass die Zeit abgelaufen ist…
Nun warteten wir darauf das was passiert und stellten zum Ersten, leider nicht zum letzten Mal fest, das es kalt war. Aber nach einer halben Stunde setze sich unser kleiner Tross aus ca. 200-300 Menschen, dann endlich in Bewegung in Richtung Folketing, dem dänischen Parlament, wo sich die große Demonstration sammelte. Jetzt hätte ich fast vergessen die Trommler zu erwähnen, das coolste an unsrer Demogruppe waren nämlich unsere Trommler, die ihre Trommeln aus Ölfässern gebastelt hatten und einfach die ganze Zeit trommelten was für eine allgemein gute Stimmung sorgte. So. Auf dem Weg zum Platz strömten aus allen Richtungen andere Grüppchen auf uns zu bzw. mit uns, so waren wir dann als wir an unserem vorläufigen Ziel ankamen, in einer riesigen Menschenmenge bei, der ich nicht mehr so richtig einschätzen konnte wie viele es waren, es waren viele. Inzwischen war ich in richtiger Demonstrationsstimmung und konnte es kaum erwarten, irgendwas zu stürmen. OK, einfach loslaufen hätte mir vielleicht auch gereicht, aber leider mussten erst scheinbar wichtige Menschen, scheinbar wichtige Reden halten, die leider kein Schwein verstand, sie waren zwar extra in Englisch, weil ja dank des Gipfels ziemlich viele nicht des Dänisch Mächtige da waren, unter anderen auch die Redner, die sich soweit man es verstehen konnte alle das Gleiche sagten, nur waren die ganzen Menschen eh lauter als die Lautsprecher, so das man eher so ab und zu alle paar Minuten ein Wort verstand. Das es dann doch ein Haufen Wörter waren die ich zu hören bekam, lag leider schlicht daran, dass sich das Ganze Ewigkeiten hinzog, so dass uns irgendwann die schlechten: “Jetzt wäre ein wenig Klimaerwärmung doch gar nicht so schlecht…”-Witze ausgingen und ich mir ausmalte wie warm es werden würde, wenn wir unsere Schilder einfach anzünden würden, als ich das ansprach wurde ich aber von Wiebke nur mit einem bösen Blick bestraft, dabei standen wir schon auf ein paar kaputten runter gefallenen Schildern, da die uns wärmer vorkamen als der kahle Boden. “Wenigstens ist das Wetter schön.”, dachte ich mir als dann doch noch losging in Richtung Bellacenter(Dem Veranstaltungsort des COP15) Man kann nicht behaupten das wir sonderlich schnell vorankamen, Wiebkes Mutter hatte es dann doch vorgezogen sich in einem Café die Füße aufzuwärmen, in unserer Ungeduld liefen wir etwas schneller als der Rest unser Kirchengruppe. Bis wir dann feststellten, das ca. 5-10 Meter vor uns eine relativ große Gruppe schwarz vermummter Menschen lief, der schwarze Block, diejenigen welche bevorzugt eher schlagkräftige Diskussionen mit der Polizei führen, da wollten wir nicht hin, also schauten wir nach rechts: Auch schwarze vermummte Menschen. Nach hinten: Auch schwarze vermummte Menschen. Nach links: Das Wasser. Äußerst unangenehme Situation. „Nichts wie weg.“, war unsere gemeinsame Meinung. Wir wollten grad einen sinnvollen Beschluss fassen in welche Richtung wir uns am Besten verziehen, da geschah es: Ich war etwas erschöpft von Schildhochhalden hatte es also ein wenig runter genommen und so mit beiden Händen so ein wenig vor mein Gesicht gehalten … hab nicht gerate festgehalten sondern mehr etwas rumgespielt … Nils, der vor mir gelaufen ist, tat einen Schritt nach vorn, dabei hob sich seine Verse gegen das untere Ende meines Schildes … dieser leichte Stoß reichte aus das andere Ende des Schildes um ca. 10cm nach oben zu heben … nach 8cm … kam dann meine Oberlippe, das war schlecht.
Während sich in meinem Mund der süßliche Geschmack meines eisenreichen Blutes ausbreite und ich meine Tränen, welche vorhatten mir in die Augen zu schießen, an ihren richtigen Platz zurückwies, murmelte ich noch ein: “Sieht schlimmer aus als es ist.” Bevor ich mir Instinktiv ein ruhiges Plätzchen suchte, an welchen ich mich erstmal sammeln konnte. Es war am Ende wirklich nicht mehr als ein kleiner Kratzer an der Oberlippe, durch den es uns aber irgendwie gelungen ist aus dem schwarzen Block zu kommen, ohne es zu merken. Besser gesagt ich hab es nicht gemerkt, da ich viel zu sehr damit beschäftig war, mit meiner Zunge meinen Oberlippenzahnzwischenraum abzutasten um festzustellen wo es weh tut und wo nicht und mich zu fragen warum ich das überhaupt wissen wollte, denn normaler Weise hält sich meine Zunge nicht in diesem Bereich meines Mundes auf. Kennt irgendwer diese Art Neugier oder muss ich mir mal wieder sorgen über meine geistige Zurechnungsfähigkeit machen? (Gibt es eine nicht geistige Zurechnungsfähigkeit?)
Der Rest der Demonstration verlief bis zur Begegnung mit dem Polizisten recht monoton, wir liefen, liefen und froren. Froren, froren und liefen. Vorbei an verschiedenen Organisationen die wir alle überholten, da wir einfach schneller liefen als der Rest, welcher, wie später auch die Nachrichten verkündeten, sich in einer Art Volksfeststimmung befand. Überall war Musik zu hören, die Leute waren munter und tanzten zeitweise mehr als das sie liefen. Wiebke und ich hatten dann irgendwann genug demonstriert für einen Tag, Nils hatten wir bei ein paar anderen Freiwilligen gelassen die uns zwischen durch begegnet waren, falls ich es noch nicht erwähnt hatte uns war kalt. So, beschlossen wir, dass wir den Heimweg antreten würden. Da der Weg auf welchen wir gekommen waren, ziemlich voll war, gingen wir erstmal in irgendeine abzweigende Seitenstraße, dort begegneten wir dann dem Polizisten. Unserem wie es ja immer so schön heißt: Freund und Helfer. In voller Montur stand er da vor uns aufgebaut, dicke Schutzkleidung, Pistole im Halfter lauter gefährlich und interessant aussehendes Zeug am Gürtel und ein wenig eingefrorenes Gesicht, als wir ihm nach dem Heimweg fragten. Den er uns sehr freundlich schilderte obwohl er ihn wohl selbst nicht so gut kannte.
Wir kamen dann auch gut zu hause an, wurden nur noch kurz von einem Äthiopier in der Fußgängerzone aufgehalten. Ihm war mein Schild aufgefallen und er wollte wissen, wo ich die Schriftart gefunden hatte, dies konnte ich ihm leider nicht sagen, dafür bestätige er mir, dass auf meinem Schild alles richtig geschrieben war: “Something about the climate…”
5 Kommentare »
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Sehr schön.
Ich kenne auch diese Art Neugier, nach der du fragst. Das entlastet dich aber leider nicht. Tja, haha.
Hallo Martin, ich muss dir einfach mal sagen, dass ich mich generell halb totlache, wenn ich in deinem Blog lese. Dein Schreibstil ist echt super, mach weiter so!
Ja! Ich war etwas enttäuscht!
Naja…das nächste mal dann!
Du hast mit Mama demonstriert? Mich hat sie nicht mitgenommen….
[...] für eine der größten Demonstrationen, die Kopenhagen je gesehen hat (mehr darüber bei Wiebke, und bei Martin), auf der ich als überdimensionale Uhr herumlaufe und später mit Fackel in der Hand zum beliebten [...]
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